Mangelhafte WHO-Beschreibung der Risiken durch Cannabis

Nach 20 Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation WHO ihr Positionspapier zum Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse über gesundheitliche und soziale Effekte des nicht-medizinischen Cannabiskonsums veröffentlicht. Die Verfasser tappen dabei in fast alle Fallen, die die während der letzten Jahrzehnte eingerissenen Konventionen im Umgang mit Cannabis bereithalten. Das Papier stellt sich in Folge als nahezu wertlos dar.

Die ARGE CANNA vertritt seit jeher den Standpunkt, dass jeder regelmäßige Konsum von Cannabis medizinischen Charakter hat, da Menschen mit dem Konsum von Cannabis erwünschte psychophysische Zustände herbeizuführen oder unerwünschte abzumildern versuchen. Niemand muss Arzt sein, um das zu verstehen. Den Rest besorgen die heute verfügbaren Erkenntnisse über den therapeutischen Nutzen von Cannabis.

NICHT-MEDIZINISCHE ABSURDITÄT

Dr. Shekhar Saxena, Direktor der Abteilung für geistige Gesundheit und Substanzenmissbrauch bei der World Health Organisation, einer Unterorganisation der United Nations, hat die neueste Publikation der WHO mit „The health and social effects of nonmedical cannabis use“ betitelt. Das allein reicht eigentlich zur Deklassifizierung: Im Zusammenhang mit Cannabis von „nonmedical“, also nicht-medizinisch, zu sprechen, ist angesichts der Sachlage, die auch in diesem Papier beschrieben wird, absurd. Der sporadische Cannabis-Konsum, spaßeshalber durchgeführt, kann mit so gut wie keinen gesundheitsschädlichen Effekten valide in Verbindung gebracht werden. Und der regelmäßige, der chronische, ja sogar der maßlose Konsum von Cannabis kann niemals als nicht-medizinisch, sondern nur als Selbstmedikation verstanden werden – das gebietet die Logik, egal, wie man es dreht und wendet. Abgesehen davon schafft diese Studie es aber auch nicht, den chronischen Konsum kausal und unwidersprechlich valide mit Gesundheitsschäden in Verbindung zu bringen.

Mindestens 750 Chemikalien sind in Cannabis enthalten, konstatiert Saxena im WHO-Papier. 104 davon sind wissenschaftlich beschriebene Cannabinoide. Das ist die erste wertvolle Aussage darin, und auf weitere wird man beim Lesen sehr lange warten müssen.

HÖRENSAGEN STATT WISSENSCHAFT

Eingangs verlieren sich Saxena und seine Ko-Autoren und Mitarbeiter nämlich sehr schnell in geradezu haarsträubendem didaktischen Nonsens. Da wird z. B. die Mär vom Trend zu höherem THC-Gehalt im Cannabis bemüht, freilich mit der Einschränkung, dass dies nur für in den USA und in manchen europäischen Staaten von der Polizei konfisziertes Cannabis gilt. Die Tatsache, dass schon in den 1960er Jahren hochgradig THC-hältiges Cannabisharz aus Marokko in Europa konsumiert wurde, bleibt unerwähnt. Die Tatsache, dass sämtliche Nationalstaaten der Welt und die UN selbst es bisher verabsäumt haben, ISO-Normen und referenzierendes Pflanzenmaterial für valide Labordiagnostik zur Verfügung zu stellen, stellt diese Behauptung vollkommen ins Abseits. Die Aussage ist kaum mehr als Hörensagen. Sie ist zutiefst illegitim und einer wissenschaftlichen Studie unwürdig.

Weiters behaupten Saxena e. a. einmal mehr, dass sozial Benachteiligte häufiger illegale Drogen konsumieren. Das entsprechende Kapitel 2.1.4 klammert devaluierende soziale Faktoren – wie das deutlich seltenere Auftreten von Konflikten sozial gefestigter und wohlständischer Leute mit Polizei und Justiz – vollkommen aus. Die Daten verhafteter, straffällig gewordener Cannabiskonsumenten von Polizei und Justiz werden offenbar als Abbild der Welt dargestellt. Was für ein peinlicher Fehlgriff – beschämend für ein wissenschaftliches Autorenteam.

TURBO-SUCHTMITTEL CANNABIS?!

Spätestens in Kapitel 3 der Studie wird das Scheitern von Saxena e. a. dann grandios. Da wird geschrieben: „The transition to cannabis (or cocaine) dependence occurs considerably more quickly than the transition to nicotine or alcohol dependence (Lopez-Quintero et al., 2011).“ Cannabis macht also schneller abhängig als Nikotin und Alkohol? Eine solche Behauptung in dieser Weise auf Basis einer einzigen Studie aufzustellen, ist im akademischen Milieu … mindestens fragwürdig. Journalistisch ausgedrückt ist sie vollkommen daneben.

Aber seien wir nicht allzu streng. Wenigstens relativieren Saxena e. a. ihre unreflektierten vorhergehenden Behauptungen im Kapitel 3.1.4, wo erstmals klar ausgesprochen wird, dass in allen zuvor behandelten Bereichen unzureichendes Datenmaterial vorliegt und mehr bessere Forschungsarbeit von Nöten ist, um gültige Erkenntnisse gewinnen zu können.

NAGETIERE, ZELLHAUFEN UND ANDERE ZERRBILDER

Sehr präzise sind Saxena e. a. in der Beschreibung der Negativ-Effekte von „nicht-medizinischem“ Cannabis-Konsum vor allem bei Jugendlichen, Kindern und Ungeborenen. Absätzelang wird da fabuliert von in Studien an Zellhaufen oder am Nagetiermodell festgestellten Gefahren dauerhafter Hirnschädigung. Aber gerne und immer wieder schließen diese Absätze mit „human research in this domain is still limited“. Das Nagetiermodell wird von der medizinischen Forschung immer wieder als gültig dargestellt, weil das menschliche Genom und das Ratten-Genom zu 97% identisch sind. Der gewaltige Unterschied im Phänotyp und im Verhalten wird dabei ignoriert – einer der größten latenten Anachronismen der kontemporären Humanmedizin, und einer der größten Fehler, die in der Forschung je begangen wurden. Aber gut: Auch hier relativiert 4.1.6 so gut wie alles in diesem Kapitel. Es gibt auch hier aufgrund der unzureichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse keine gültigen Aussagen.

Ebenso zeigen sich in 5.1.9 auch die Kurzzeiteffekte von Cannabis als unzureichend erforscht.

Immer und immer wieder stößt man auf Formulierungen wie „not well investigated“, „remains to be discovered“ oder „have produced mixed results“. Aber dennoch erfährt man unheimlich viel über die gesundheitsschädlichen Wirkungen von Cannabis.

Das ist das große Problem dieser Studie. Sie berichtet von einer Unzahl von Gefahren und Risiken durch Cannabiskonsum und stellt dann abschließend immer wieder fest, dass die wissenschaftlichen Daten dafür nicht ausreichen. So hinterlässt die Lektüre der Studie im akademisch geschulten Perzipienten bestenfalls den Eindruck eines latent parteiischen Bias, im Gelegenheitsleser schlicht eine totale Realitätsverzerrung. Das ist wohl weder politische noch böswillige Absicht. Es dürfte schlichtes Unvermögen der Autoren sein, eine ausreichende Klarheit in der Darstellung der vorgefundenen Informationen zu erreichen.

6.1.8 drückt sehr gut aus, woran die Studie generell krankt: Es werden vor allem psychische Störungen mit Cannabis in Verbindung gebracht, zumindest in jenen Studien, die nach solchen suchen und die in der vorliegenden Studie referenziert werden. Kausalität kann hier nirgends schlüssig belegt werden, es liegen lediglich Korrelationen vor zwischen Cannabisgebrauch und diversen psychischen Störungen bis hin zur Psychose, darunter auch Schizophrenie, und zum Selbstmord. Wieder weist die WHO darauf hin, dass bessere Studien und bessere Datenbestände benötigt werden, um gültige Aussagen treffen zu können.

SCHOCKBILD HODENKREBS

Im Kapitel 7 sticht das Thema Hodenkrebs etwas heraus. Da auch die deutsche CaPRis-Studie kürzlich darauf hingewiesen hat, dass Hodenkrebsrisiko aus Cannabiskonsum emanieren könnte, sollte man die dahingehende Forschung gut im Auge behalten. Aber erneut lautet das Fazit auch hier: „There is suggestive evidence that testicular cancer is linked to cannabis smoking and this potential link should be investigated further.“ Immerhin ist eines gut belegt: Cannabinoidrezeptoren finden sich in den Hoden und an den Spermien. Auch ist nicht wegzudiskutieren, dass Cannabis nebst seiner aphrodisierenden auch eine libido-verringernde Funktion haben kann. Die Zusammenhänge freilich sind unzureichend geklärt, die Lebensumstände und -gewohnheiten bei Krebs spielen eine viel zu große Rolle, als dass Cannabis hier singular kausal verantwortlich gemacht werden könnte. Ansonsten haben erwachsene Cannabiskonsumenten wohl kaum etwas zu befürchten hinsichtlich Herz-Kreislauf, Lunge, Schlaganfall und Krebs, wie Kapitel 7 schön herausarbeitet, soferne man seine entscheidenden Stellen beachtet.

FEHLERHAFTES SUCHTVERSTÄNDNIS

Richtig klar wird vieles erst am Ende des WHO-Papiers: Im abschließenden Kapitel 9 steht „there is less knowledge about the health and social effects of nonmedical cannabis use than about the use of alcohol and tobacco“. Wie wahr, denn das WHO-Papier kann eigentlich kaum mehr als folgendes konstatieren: Wenn Sie regelmäßiger starker Cannabiskonsument sind und täglich viel Cannabis mit ganz viel THC rauchen, gehen Sie damit vielleicht Gesundheitsrisiken ein, was aber kaum bis gar nicht wissenschaftlich belegt ist; vielleicht sinkt ihr IQ mit den Jahrzehnten etwas ab, vielleicht werden Sie süchtig nach Cannabis, vielleicht zeigt sich ihre Geisteskrankheit etwas früher als ohne Cannabis. In Fortführung der genannten Aussage aus Kapitel 9 kann man weiters sagen: Wenn Sie regelmäßiger starker Alkoholkonsument sind, kriegen Sie Leberkrebs und sterben früh. Wenn Sie regelmäßiger starker Zigarettenkonsument sind, kriegen sie Lungenkrebs und sterben früh. Letzere beiden kriegen sie im Supermarkt und am Automaten an der Straßenecke.

Noch ein Wort zur in der WHO-Studie oft bemühten Abhängigkeitsstörung: Es gibt keine Cannabissucht. Cannabis verursacht keine Sucht. Sucht wird vom Menschen verursacht und kann unterschiedlichste Formen betreffen. In den Momenten, wo sich Saxena e. a. über Sucht äußern, wird es praktisch immer peinlich. Vor allem auch, weil kein Mensch eine Ahnung davon hat, welche Form von Cannabis mit welchem Gehalt an welchen Stoffen diese „Süchtigen“ überhaupt konsumieren. Ist es Straßencannabis mit aufgesprühten synthetischen Cannabinoiden? Ist es selbstgezüchtetes Cannabis mit enormem THC-Gehalt? Ist das Cannabis stark pestizidverseucht und welche Rolle spielen diese Pestizide in den Krankheitsbildern, die Saxena e. a. so eifrig aus ein paar Studien herausgelesen haben? Fragen über Fragen – aber keine Antworten. Die Daten fehlen nämlich auch hier.

9.2. sagt es dann auch abschließend, und das muss man Saxena e. a. zugute halten: Wir brauchen in praktisch jedem Bereich der Cannabisforschung Daten, die verlässlich sind – und diese sind derzeit nicht vorliegend. Die WHO, als Gesundheits-Sprachrohr für die UN, verlangt folgerichtig nach mehr Forschung über Cannabis, vor allem auch am Menschen. In Österreich ist solche Forschung verboten und mit Kerker bedroht.

Übrigens: Der überwiegende Großteil der beschriebenen sozialen und Gesundheitsrisiken durch Cannabiskonsum betrifft Jugendliche. Dass Jugendlichen der Konsum von Cannabis zu Spaßzwecken nicht erlaubt sein sollte, war immer die Position der ARGE CANNA, auch wenn die wissenschaftliche Evidenz dafür vollkommen unzureichend ist.

Hier finden Sie die Studie der WHO zum Nachlesen:
http://www.who.int/substance_abuse/publications/cannabis/en/



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